Konzert-Saal-Orgel der Universität Luleå
im Studio Acusticum in Piteå / Nordschweden
Würdigung
Der neugebaute Konzertsaal Acusticum ist ein besonderer Konzertsaal in Europa. Er ist eingebunden in die angegliederte Musikhochschule für ausübende Musik und Aufnahmetechnik und ist gleichzeitig die Konzerthalle der Stadt Piteå mit eigenem künstlerischen Programm. Außerdem hat das Norbottens Kammerorchester hier seine Wirkungsstätte einschließlich Büros und eigene Probenräume.
Das Acusticum bietet mit seinem Konzertsaal, dem Probenraum, der Black Box und dem weiträumigen Foyer Möglichkeiten für eine breite Palette an Musik – klassische Musik, Jazz, Folklore und zukünftige Musik. Durch die variable Höhen- und Raumerweiterung im Konzertsaal bietet dieser darüberhinaus die besten akustischen und räumlichen Voraussetzungen für jegliche Musik, besonders auch die Orgelmusik.
Konzept für die neue Orgel
Der Beginn eines Orgelkonzertes in einem Konzertsaal ist anders als das in einer Kirche. Das Konzert beginnt mit dem Auftritt des Spielers und endet, wenn er die Tür endgültig hinter sich schließt. Dieser erste und letzte Akt des Konzertes muss mit den architektonischen und räumlichen Gegebenheiten und dem Instrument übereinstimmen.
Im Acusticum tritt der Spieler aus einer der beiden Seitentüren gleich neben dem Instrument – geht drei Stufen nach unten zur Mitte – und ist dann beim Publikum angekommen. Für diesen ersten Akt bietet die Orgel den Hintergrund mit dem Zentrum des Instrumentes, dem Platz des Spielers. Er ist einladend – leicht gewölbt – nach außen ausschwingend, versilbert und aus dem Ganzen hervorgehoben. Der Spieltisch mit seinem Solisten ist der Mittelpunkt des Konzertes.
Der Instrumentalist sitzt frei im Raum und kann seine musikalische Persönlichkeit frei entfalten. Einzig die Klaviaturen und das Notenpult sind ihm vom Instrument her zugewandt. Die Wahl der Klangmöglichkeiten, die Bedienung der Klangregister ist gleich neben den Klaviaturen – sie gehören mit zu seinem Spielfeld.
Das Orgelwerk möchte engster Partner sein. Es gestaltet sich über ihm – im Mittelteil des Instrumentes – das Prospektteil gleich über dem Spieltisch, das Zwiesprache mit ihm halten möchte. Das darüber liegende Pfeifenfeld ist im leichten Winkel dem Hörer zugewandt – es möchte zum Hörer Verbindung schaffen mit allem, was klanglich aus dem Instrumentenraum kommt. Eine monumentale Klangskulptur möchte das Instrument sein, mit großem Eigenleben im Hintergrund.
Der Pfeifenprospekt ist neutral in den Raum gestellt. Er möchte keine inhaltliche Aussage zu einem Instrumenten-Typ treffen. Das Instrument ist ein Instrument des 21. Jahrhunderts. Seine Gliederung und Proportionen nehmen Verbindung zum Raum auf. Sie sind eigen gestaltet und lassen weitere Veränderungen und Steigerungen an seinem Äußeren zu:
- das Ausleuchten und Hervorheben bestimmter Teile
- farbiges Licht, das alles in eine andere Stimmung versetzt
- moderne Grafik, die von einem Reflektor über das Instrument geworfen werden, kann seine
Konturen verändert
Klanglich möchte das Instrument ein europäisches Instrument des 21. Jahrhunderts sein, das seinen Anfang in der Musik von J.S.Bach findet, die in ihrer Ursprünglichkeit auch im hohen Norden klanglich erlebbar sein möchte. Daneben ist die klassische, romantische, symphonische und gegenwärtige Orgelmusik der europäischen Orgel-Zentren darstellbar. Geeignet ist das Instrument zur Begleitung von Chorwerken, die in Schweden besondere Bedeutung haben. Ein Schwerpunkt der Musikhochschule Piteå ist die Jazz- und Pop-Musik. Auch dafür stellt das Instrument viele Klang- und Effektregister zur Verfügung. Ein weiterer Schwerpunkt ist auf die zukünftige Musik gelegt, in seinem Inneren ist das Instrument auf weitere, zukünftige Klänge vorbereitet.
Die Disposition
Technische- und Klangliche Anlage
Die Orgel-Anlage
Hinter den unteren Prospektfeldern in der Mitte vorne bis rechts und links außen das Hauptwerk (Manual I)
Darüber vorne das Oberwerk (Manual II) im Schweller, es kann mit großflächigen Klangklappen weiter geöffnet werden zu einem klassischen Oberwerk, dadurch gute klangliche Reflexion durch die darüberliegende Decke zum Spieler und in den Raum.
Dahinter, zwischen dem Hauptwerk und dem darüber liegenden schwellbaren Oberwerk das Récit (Manual III) mit Klang-Öffnungen zu beiden Werken und zu den Seitenwänden des Raumes, mit deren Reflexion in den Zuhörerraum.
Darüber das Solo (Manual IV) – in der Mitte vorne die Horizontal-Zungen, dahinter das Cornetwerk – seitlich links die übrigen Stimmen des Solo.
Groß-Pedal im hinteren Bereich in zwei Ebenen, rechts und links, frei stehend mit guter Reflexion der Rückwand und den Seitenwänden. Die Register des Kleinpedals stehen mit den Registern im Hauptwerk, mit guter Hörkontrolle vom Spieltisch. Aus dem Hauptwerk und dem Cornetwerk können Register auch im Pedal gespielt werden. Außerdem können Stimmen aus dem Pedal oktav versetzt angespielt werden.
Die Klang-Stimmen – Glockenspiel, Vibraphon, Celesta, Trommel, Pauke sind auf der Galerie hinter dem Orgelwerk aufgebaut.
Die Spielanlage
Sie ist am Untergehäuse mittig angebaut, ein freistehender Spieltisch mit freistehenden Registereinschaltungen rechts und links der Klaviaturen.
Die Manualverteilung ist
I. Manual Hauptwerk
II. Manual Positiv,
III. Manual Récit
IV. Manual Solo
Pedal in Groß- und Kleinpedal aufgeteilt
Umfang der Manuale C-c4, Pedal C-g1
Die Windladen
Es sind verschiedene Typen von Windladen in dem Werk, je nach ihren klanglichen Möglichkeiten. Es sind die bewerten Schleifladen unserer Werkstätte in klassischer Ausführung. Die Windladen der Zungenregister und die Stimmen im Solo sind Einzelton-Membranladen nach dem System von Casavan in Kanada. Sie haben hohe Winddrücke und eine hervorragende An- und Absprache der Register.
Die Spiel-Traktur
Es ist eine mechanische Spieltraktur (Hängetraktur), mit hinten geachsten Klaviaturen für alle Werke. Alle Koppeln, auch die Octavkoppeln sind mechanisch
Die Register-Traktur
Sie ist elektrisch mit einer dazugeschalteten großzügigen Setzer-Anlage.
Die Pfeifen und Zungenregister
Die Metallpfeifen sind in verschiedenen Zinn/Bleilegierungen zwischen 5% und 83% Zinnanteil gearbeitet. Die Pfeifen sind zum Pfeifenrand hin ausgedünnt – konisch auf Stärke gegossen und mit der Ziehklinge nachgearbeitet.
Die Holzpfeifen sind aus unterschiedlichen Hölzern, zum Teil auch innerhalb eines Registers. Die Innenseiten sind zur besseren Klangentfaltung mit Bolos ausgegossen.
Die Zungenregister sind dem Werk entsprechend in unterschiedlichen Bauformen gearbeitet. Die Becher sind zum Becherrand hin ausgedünnt, die Kehlen sind aus Messing geschmiedet.
Die Windanlage
Die separate Windanlage ist nach dem System von Cavaillé-Coll gebaut, mit 15 verschiedenen Winddrücken. Die Magazinbälge sind unter dem Récit und rechts und links im vorderen Teil des Klangraumes und im hinteren Teil der Orgel, dem Groß-Pedal und dem Solo, angeordnet. Das symphonische Windsystem mit Winddrücken von 73 – 140 mm WS ist geteilt in Baß- und Diskantwind für das Hauptwerk, Oberwerk, Schwellwerk und Solo.
Die Raumakustik
Einzigartig ist die Akustik des Raumes. Die Raumhöhe, die gesamte Decke kann um 5 Meter verändert werden, je nach den akustisch Anforderungen. Für die Orgel entsteht dadurch eine Nachhallzeit von etwa 2 ½ Sekunden. Außerdem sind die Holzwände akustisch für eine gleichmäßige Reflexion ausgearbeitet und es gibt Stoffrollos an den Seitenwänden, die die Nachhallzeiten zusätzlich senken können.
Die klangliche Anlage
Für eine Musikhochschule ist das Orgelwerk Bachs die Basis ihrer Ausbildung. Es sollte Möglichkeiten geben zur Musik „vor Bach“ und zur Musik „nach Bach“ – zur Musik der Romantik – zur symphonischen Musik – und zur neuen Musik. Der Kern der Konzert-Orgel ist deshalb ein klassisches, Mitteldeutsches Werk, das eingeschlossen ist in ein Orgelwerk, das weit in die Zukunft reicht.
Das klassische Orgelwerk
Das Hauptwerk, Manual I und Oberwerk, Manual II, haben typische Stimmen einer Mitteldeutschen Barock-Orgel. Um diesen typischen Charakter zu erfahren, kann durch das Öffnen großflächiger Klangklappen das Positiv zu einem klassischen Oberwerk werden. Die wichtige Reflexion der Decke, die unmittelbare Sprache zu Spieler und Hörer im Wechsel mit dem klanglich frei austretenden Hauptwerk in der Mitte der Orgel, gehört zum wesentlichen Höreindruck dieser Musik. Eingebettet sind sie in ein im hinteren Bereich der Orgel stehendes gravitätisches Groß-Pedal mit zwei 32 Füßen und einem musikalischen Klein-Pedal im Bereich des Hauptwerkes, auch zur Hörkontrolle des Spielers.
Das romantische, symphonische, neuzeitliche Orgelwerk
Es besteht aus Erweiterungen des Hauptwerkes, Manual I und einem geschlossenen, schwellbaren Positiv, dem französischen Récit, den Stimmen des Solos, das die breite klangliche Basis für diese Musik schafft. Dazu die überblasenden Flöten, vielfältigen Streicherstimmen, unterschiedlichsten Chöre der Cornets, die romantischen und symphonischen Zungenchöre, Hochdruckzungen, in verschiedenen Werken spielbar und weiteren Baß-Stimmen im Pedal bis zu einem 64 Fuß.
Die Klang-Register
Auf der Galerie hinter der Orgel befinden sich die Klang-Register. Unter anderem ein Röhren-Glockenspiel für die Manuale und das Pedal – eine Celesta von Skinner 1928 – ein Vibraphon – Trommel- und Paukenwirbel und verschiedene Schlagwerke.
Neue Bereiche in der Orgel sollen Klänge der Neuen Musik für die Hochschule und für die Orgelwelt erschließen. Wichtige symphonische Register stehen auf Einzelton-Windladen, die besonders angespielt werden. Zuschaltbar sind hochwertige, im Raum verteilte Lautsprecher und elektronische Musik-Geräte der Hochschule. Es gibt sensibel einstellbare Windabsteller in den einzelnen Werken, die den Pfeifen neue Töne abgewinnen. In der Orgel vorgesehen ist ein schwellbares Oberton-Werk auf Einzelton-Windladen ab 32 Fuß.
Der Konzerthalle angegliedert ist ein Ton- und Fernsehstudio, das Konzerte international übertragen kann. Und über Internet kann das Instrument unter anderem mit den Orgeln im Orgelpark in Amsterdem spielen.
Résumé
Das Instrument im Studio Acusticum kann in vielerlei Hinsicht seine Bedeutung erfahren: Es ist das Instrument der Musik-Hochschule – für seine Studenten – die Lehre – die Forschung – aber auch für die Menschen in und um Piteå. Viel Musik wird sich hier authentisch hören lassen können. Einer ihrer Schwerpunkte wird die zukünftige “neue Musik“ sein. Hier kann das Instrument neue Möglichkeiten schaffen.
Die Orgel im Studio Acusticum ist ein Instrument, das die unterschiedlichen Kulturen und Menschen in Europa verbindet – sie ist eine „Europäische Orgel“.