Neues aus unserer Orgelwelt

Erleben Sie die Woehl-Orgeln live.

Der elegante Senior Harald Vogel posiert vor einer Orgel

Ein Kommentar zum Bach-Marathon von Harald Vogel.

Jetzt ist es tatsächlich passiert:
Johannes Lang ist es gelungen, alle Orgelwerke Bachs in einer vielteiligen Veranstaltung an der Bach-Orgel der Thomaskirche in Leipzig innerhalb von 24 Stunden in 14 Konzertabschnitten am 31. Oktober und 1. November 2025 an seiner Orgel aufzuführen. Er spielte auf der vor 25 Jahren erbauten Bachorgel vor einem staunendem Publikum eine Gesamtaufführung, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Die Live-Übertragung konnte auf arte.tv im Rahmen der Kulturinitiative „gravity_bach“ auch visuell erlebt werden. In den kurzen Pausen zwischen den 14 Programmen konnten in Interviews die Stimmen von Künstlern, Wissenschaftlern und Musikpädagogen aus allen Weltteilen verfolgt werden, jeweils kurz unterbrochen von Live-Bildern unseres Planeten von der Internationalen Raumstation ISS. In der ersten Hälfte war Daniel Hope mit sachkundigen Beiträgen aus San Francisco als Moderator zugeschaltet. Damit konnte die globale Dimension dieses Projektes eindrucksvoll unterstrichen werden. Die Hörer:innen wurden Zeugen einer künstlerischen Aktion, die bisher niemand für möglich gehalten hat, – gehört doch das Spiel eines einzigen Konzertprogramms mit Orgelwerken Bachs zu den anspruchvollsten interpretatorischen Aufgaben.

Johannes Lang ist seit 2022 als Organist an der Leipziger Thomaskirche tätig und steht damit in der illustren Reihe der besten Organisten der Zeit, zu denen auch sein Urgroßvater Günther Ramin gehörte. Ramin war einer der wichtigsten Orgellehrer des 20. Jahrhunderts und pflegte eine enge Verbindung zur deutschen literarischen Avantgarde nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere zum Wortführer des expressionistischen Dramas und gleichzeitigen Protagonisten einer Neuausrichtung der Orgelästhetik: Hans-Henny Jahnn. Günther Ramin war der wichtigste Organist in der von Jahnn 1925 (vor genau einhundert Jahren) initiierten Orgeltagung in Hamburg und Lübeck, wobei der Musiköffentlichkeit ein neues nachromantisches Orgelideal präsentiert wurde. Mit Johannes Lang wiederholt sich eine musikalische Familientradition, die in der Großfamilie Bach bereits vor Jahrhunderten beobachtet werden konnte.

Die 14 Programme gehen auf ein Konzept von Christoph Wolff zurück. Sie wurden von Johannes Lang in die endgültige Form gebracht und orientieren sich am Kirchenjahr, wobei die Clavier-Übung III den Abschluss bildet.

Die Leistung der geistigen Konzentration und des physischen Durchhaltevermögens in dieser Gesamtdarstellung der Orgelwerke Bachs kann auch unter sportlichen Gesichtspunkten verstanden werden. In den Interviews kamen deshalb auch Spezialisten auf diesem Gebiet zu Wort. Die Voraussetzungen für eine solche Leistung liegen neben einer außergewöhnlichen Begabung auch in der Anwendung der Grundlagen der Spieltechnik aus der Bachzeit und einem Instrument, das in der Bauweise auf das 18. Jahrhundert zurückgeht. Die auf der Nordempore der Thomaskirche stehende Bachorgel wurde von Gerald Woehl geplant und in seiner Werkstatt in Marburg gebaut. Es ist ein Paradox, dass mit diesem Instrument die Thomaskirche erstmalig über eine große (viermanualige) Orgel verfügt, die alle klanglichen Ressourcen für die Darstellung der Orgelmusik Bachs enthält. Dazu gehören die Streicherstimmen im mitteldeutschen Barockstil und die milden Zungenstimmen, die unaufdringlich eine hohe Verschmelzungsfähigkeit und damit eine ausgesprochen polyphone Qualität besitzen. Bemerkenswert ist das ganz tiefe Pedalregister Untersatz 32‘, das mit den größten Pfeifen unter dem Emporenfußboden liegt und damit noch eine zusätzliche Resonanz erhält. Bach war ein großer Liebhaber von diesem Tiefklang. So war in der Interpretation von Johannes Lang an vielen Stellen ein Klangideal Bachs zu hören, das in der feinen Tiefenzeichnung der im Pedal gespielten Stimmen überzeugte. Auch die Posaune 32‘ verdient in diesem Zusammenhang eine besondere Erwähnung, da der sanfte Fokus der tiefsten Lage auch in mittlerer Lautstärke viele Klangkombinationen erlaubt.

Wichtig für die Spielweise ist die Anlage der Klaviaturen, wobei die Form der Pedaltasten an vielen Stellen durch die Kameraführung sichtbar wurde. Johannes Lang konnte auf den Absatzgebrauch im Pedalspiel weitgehend verzichten und erreichte durch eine Anschlagsweise mit geringer Bewegung effektive Bewegungsabläufe, die durch die Effizienz des Energieeinsatzes eine vorzeitige Ermüdung verhinderten. Im Manualspiel war die Effizienz der Bewegungsabläufe ebenfalls zu beobachten. An dieser Stelle kann darauf hingeweisen werden, dass die mechanische Finesse der leichtgängigen hängenden Trakturen, die zu den Positiva der Woehl-Orgeln gehört, ein ermüdungsfreies Spiel über lange Zeiträume ermöglicht.

Diese Diskussion der mechanischen Eigenschaften der Bach-Orgel in der Leipziger Thomaskirche und der historisch orientierten Spielweise von Johannes Lang berührt noch nicht die klangkünstlerischen Qualitäten der Interpretation, die über viele Stunden zu hören waren. Ich habe noch niemals einen so differenzierten Gebrauch der Klangfarben im Orgelwerk Bachs gehört. Gleiche Registrierungen kamen nur selten vor, wobei die Bandbreite von kammermusikalischen Registerzusammenstellungen bis zum Plenum voll ausgeschöpft wurde. Dazu kann gesagt werden, dass Bach in Weimar, wo der größte Teil seiner Orgelwerke entstand, nicht so viele verschiedene Klangfarben zur Verfügung hatte. Das betrifft auch die Verwendung der tiefen 16‘-Klänge. Insofern hat Johannes Lang in der Thomaskirche am 31. Oktober und 1. November 2025 eine Erweiterung der Klangpalette Bachs vorgenommen, die sich für das Vorhaben der Gesamtdarstellung des Orgelwerks positiv auswirkt. Eindrucksvoll war der differenzierte Gebrauch von 8‘- und 16‘-Registrierungen in den Pedalstimmen der Trios. Ebenso positiv können die differenzierten Klangschichtungen in vielen Plenumwerken beurteilt werden. Johannes Lang hat sich entschieden, den eintönigen Plenumgebrauch, der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert hat, aufzulockern. Das kommt bei langen Fugen, wie der großen Fuge g-Moll (BWV 542/2) oder auch der Passacaglia (BWV 582) zu einer überzeugenden Wirkung. Um es deutlich zu sagen: Die Reduzierung auf einheitliche Plenumregistrierungen hätte wahrscheinlich eine ermüdende Wirkung auf das Publikum gehabt, wobei angemerkt werden kann, dass die ungleichschwebende (wohltemperierte) Stimmung der Bach-Orgel in der Thomaskirche vor allem in den Registrierungen mit Mixturen ein großer Gewinn für die harmonische Komplexität ist.

Schließlich möchte ich auf eine interpretatorische Qualität von Johannes Lang eingehen, die in der Spielweise der Barockmusik zu einer expressiven Bereicherung führt: Der flexible Umgang mit dem Metrum. Die Orgelmusik Bachs ist im 20. Jahrhundert auch dazu benutzt worden, die strikte Einhaltung des Metrums als Abgrenzung zu den verschiedenen Traditionen der romantischen Agogik zu verwenden. Bachs Orgelmusik ist in wesentlichen Teilen Solomusik oder Kammermusik und damit ähnlichen Traditionen verpflichtet wie seine anderen Instrumental- und Vokalwerke. Die fein dosierte expressive Tempobehandlung in der hier besprochenen Bach-Interpretation verleiht insbesondere den Choralsätzen eine atmende Qualität.

Für die meisten Zuhörer:innen brachte die Berücksichtigung der „kleinen“ Choralbearbeitungen viele neue Hörerlebnisse. Dazu gehören auch die „Neumeister-Choräle“, die zur frühesten Schaffensphase Bachs gehören.
Hier spielte Johannes Lang mit einer aufmerksamen Akribie und erschloss in vielen Einzelregistrierungen eine
für viele Orgelfreunde unbekannte Klangwelt.

Neben der einzigartigen Leistung des Thomasorganisten müssen die vielen klugen Ideen des Produktionsteams erwähnt werden. Dazu gehört neben der häufigen Einblendung der Bilder aus der Erdumlaufbahn von der ISS der Wandel von Licht und Dunkelheit, der durch die hohen Fenster der Thomaskirche im 24-Stunden-Rhythmus wahrgenommen werden konnte. Licht, Dämmerung und Dunkelheit bildeten den Hintergrund für dieses Langzeit-Musikerlebnis. Hinzu kam die kluge Dimensionierung der Nahaufnahmen von Johannes Lang bei seinem Spiel an diesem multiauthentischen Ort.

Harald Vogel